Die Schanze ist nicht mehr das, was sie einmal war

Hipster-Cliquen, die in Szene-Cafés frisch gebrühten Galão trinken, Yuppies, die auf ihrer 20qm-Terasse genüsslich eine Pulle Moët schlürfen: Das Hamburger Schanzenviertel ist nicht mehr das, was es einmal war.

„Ich liebe es während der Krawalle am 01. Mai mit meinen Freundinnen auf meiner sicheren Terasse zu sitzen, gemeinsam ein Sektchen zu trinken und dabei die Schanze brennen zu sehen“

– dieses übermittelte Zitat einer 30-jährigen Art Direktorin einer Mode/Luxus/Lifestyle-Werbeagentur, die sich vor knapp zwei Jahren in eine 120 qm Wohnung am Schulterblatt einquartiert hat, bringt den Paradigmenwechsel des Schanzenviertels deutlich zum Ausdruck. „Eppendorf ist halt irgendwie langweilig geworden, aber in der Schanze ist immer was los“, soll sie ihren Stadtviertelwechsel begründet haben.

Die Yuppies sind los …

… würden nun wohl die Alteingesessenen sagen. Denn das Hamburger Schanzenviertel galt einst als subkultureller Stadtteil, geprägt durch alternative Kunst und Multikulturalismus fernab von konventionellen Ansichten wohlhabender Hedonisten. „Früher war es wirklich eine Kultgegend, wo sich Menschen aller Art aufgehalten haben“, erinnert sich Ahmed M. (26) an die guten alten „Schanzenzeiten“. „Man konnte sich als Student problemlos eine Wohnung leisten und entspannt dort leben. Mittlerweile wohnen da viele Reiche und die ganzen Läden haben sich verändert. Vom alten Flair ist nur noch wenig geblieben“, ist sein ernüchterndes Fazit. Die Bewohner des Viertels nennen diesen Wandel gerne Yuppisierung. Gemeint ist damit die Gentrifizierung der Schanze. Angefangen hatte diese soziale Umstrukturierung des Viertels Ende der Neunzigerjahre durch etliche Stadtentwicklungsmaßnahmen. Damals ließen sich zahlreiche Unternehmen in sanierten ehemaligen Fabrikgebäuden nieder, viele Altbauten wurden restauriert und Neubauten errichtet. Knapp zwanzig Jahre später ist aus einem subkulturellen Stadtteil ein Mainstream-Hotspot geworden, in dem gut situierte Hipster ein Zuhause finden und alteingesessene Bewohner durch stetig ansteigende Mietpreise verdrängt werden. Davon kann Julia S. (34) ein Lied singen. Seit knapp fünf Jahren bewohnt sie mit ihrer Mitbewohnerin Manon (29) eine Drei-Zimmer-Wohnung in der Susannenstraße. Dank der Mietpreisbindung der Wohnung konnten die beiden bisher einer Mieterhöhung entgehen – bis zu diesem Sommer. In dem wird das Wohnhaus nun nämlich saniert. Die Folge: der Vermieter hat die Preise für die Miete immens erhöht. Ende des Monats werden Julia und Manon ausziehen müssen, da sie sich künftig ihre Wohnung nicht mehr leisten können. Julia hat erst einmal ein Zimmer in einer WG im Hamburger Stadtteil Barmbek-Süd in Aussicht, und Manon wird vorerst wieder bei ihren Eltern leben.

Sky-Supermarkt in der Schanze

Die Kluft zwischen alter und neuer Schanze wird immer größer. „Warum die jetzt einen überteuerten Sky dahin gesetzt haben, wo früher jahrelang der Penny war, ist mir schleierhaft“, findet Chrissi (27). © Anna Gröhn

 Vom Arbeiterviertel zum Szenenquartier

Vergleichsweise klein ist der Wandel, den die noch relativ jungen Schanzen-Bewohner erleben, im Gegensatz zu dem Wandel, den Karl (59, Foto unten) in den vergangenen Jahrzehnten zu spüren bekommen hat. Karl, der gerne Kalle genannt werden möchte, ist in der Schanze groß geworden und hat die fortwährende Veränderung des Viertels von Anfang an miterlebt. Er kennt die Schanze bereits seit den Sechziger Jahren und erinnert sich noch an Zeiten, in denen weder Subkulturen noch Worte wie Szeneviertel oder Gentrifizierung eine Rolle spielten. Vielmehr hat er unverputzte, gar sanierbedürftige Gebäude, unprätentiöse Bewohner und düstere Kneipen, aus denen bereits mittags Betrunkene herauswankten, in Erinnerung. Damals herrschte im Quartier ein rauer Ton, die Bewohner lebten in bescheidenen Verhältnissen – es war schlicht und einfach ein ganz gewöhnliches Hamburger Arbeiterviertel. Doch für Kalle war es sein Zuhause. So kannte und liebte er sein Viertel. Es war viel persönlicher, intim.

„Damals kannte man sich noch untereinander. Wir waren unter uns“,

erinnert sich Kalle. Es gab keine Touristen, Studenten oder gar Schaulustige. Das Wohnviertel habe damals ein eher „schmuddeliges“ Image gehabt, erzählt Kalle. Auch Multikulturalismus herrschte zu jener Zeit noch nicht. Erst ab Ende der Siebziger Jahr eröffneten beispielsweise internationale Läden und Gaststätten wie etwa die Taverna Romana. Kalle erinnert sich gut an jene Zeit, in der allmählich viele Migranten und vor allem auch junge Leute, vorrangig Studenten, in das Quartier zogen und sich so schleichend eine subkulturelle Szene etablierte. Doch auch zu diesem Zeitpunkt hätte Kalle niemals zu träumen gewagt, dass seine Schanze es jemals zu einer Sehenswürdigkeit bringen könnte, die mittlerweile in so gut wie jedem Hamburg-Reiseführer als kunterbuntes Szeneviertel angepriesen wird.  Veränderung ist in der Schanze allgegenwärtig. Doch sie war auch schon damals Bestandteil dieses Viertels. „Logo hat sich die Schanze verändert, aber was soll’s“, meint Kalle. Auch heute trifft er noch viele seiner alten Bekannten, er kennt die Straßen, die Vorteile und die Abgründe seines Viertels. Doch mit der Veränderung scheint er gut klarzukommen. Er sieht all das als ganz natürlichen Entwicklungsprozesses. Auch, wenn er sich gerne an die „intimeren“ Zeiten erinnert.

Karl

Karl (59) hat die Veränderung der Schanze von Anfang an miterlebt. Den Status quo des Schanzenviertels sieht er dennoch verhältnismäßig relativ gelassen. © Anna Gröhn

Mietentreiberei im Schanzenviertel

Doch nicht nur für die Bewohner hat die Gentrifizierung des Schanzenviertels einige weitreichende Folgen mit sich gebracht, vor allem die Eigentümer kleiner Geschäfte leiden nun unter den exorbitanten Mietpreisen.

„Es wurden schon viele Läden verdrängt, die vorher da waren, wie z.B. so ein kleiner Spielwarenladen. Den gab’s davor bereits seit 25 Jahren und der ist vor etwa zwei, drei Jahren verdrängt worden. Jetzt ist da glaube ich ein Klamottenladen drin, oder ein neues Café“,

erzählt Maureen J. (25, Foto unten), die viele Jahren in verschiedenen Restaurants in der Schanze gearbeitet hat und, wie sie erzählt, die beliebte Taverna Olympisches Feuer regelmäßig frequentiert. „Es waren so ganz alteingesessene Leute. Ein echt süßes Ehepaar, die so um die siebzig oder fünfundsechzig waren. Sie meinten damals zu mir: Jetzt haben wir halt nichts mehr. Wir müssen zumachen, denn keiner kauft mehr bei uns ein“, erinnert sich Maureen an eines der letzten Gespräche mit dem älteren Ehepaar. Offenbar konnte sich der Laden des Paares durch die erhöhten Mietpreise und die neue Klientel im Viertel nicht mehr halten. Viele Kunden, die einst in dem Spielwarenladen die kleinen Figürchen und antiquarischen Spielsachen kauften, zogen mit den Jahren weg. Die frühere Laufkundschaft blieb aus und die hohen Ausgaben konnten mit den niedrigen Einnahmen nicht mehr getragen werden.

Maureen

Maureen (25) musste sich in den letzten Jahren von vielen ihrer Lieblingsgeschäfte und -bewohner verabschieden. © Anna Gröhn

So wie dem Spielwarenladen-Ehepaar ergeht es vielen Ladenbesitzern in der Schanze. Da wären beispielsweise Gerrit Lerch und sein damaliger Partner Marc Pagel, die 1998 die Bar bp1 und ein Jahr später das Café Bedford (Foto unten) eröffneten. Beide Läden hatten mit den Jahren in der Schanze Kult-Status erreicht. Diesen Sommer mussten die Pforten geschlossen werden. Denn gegen Mietentreiberei sind die Mieter von Gewerbeimmobilien völlig schutzlos. Für sie gilt weder das Wohnraumschutzgesetz noch die im Schanzenviertel geltende Soziale Erhaltungsverordnung und Umwandlungsverordnung. Mietsteigerungen von bis zu siebzig Prozent müssen Gewerbeinhaber daher einfach hinnehmen. Viele mussten in der Folge ihre Läden schließen. Statt urigen Cafés, kultigen Bars und charmanten Tante-Emma-Läden, reihen sich in den Straßen des Schanzenviertels nun überteuerte Restaurants, hippe Szene-Bars und schicke Boutiquen aneinander.

Café Bedford

Das Ende einer Ära: Nach über 15 Jahren musste das beliebte Café Bedford aufgrund einer enormen Mietpreissteigerung schließen. © Anna Gröhn

Das Ende des Haus 73

Das wohl eklatanteste Beispiel für den Wandel der Schanze ist das Haus 73 (Foto unten). Wo früher noch Underground-Musik-Battles im Keller stattfanden und die tanzende Meute glücklich lauwarmes Astra kippte, wird heute in einem Mikroklub exklusives Craft Beer gesüffelt.

„Früher gab’s eben auch viele Jam-Sessions, es gab Hip Hop-Battles – alles für lau und für umsonst. Das gibt’s jetzt alles nicht mehr“,

erzählt Flora P. (26), die seit über sechs Jahren in der Schanze wohnt und erinnert sich: „Ich war da früher jeden Donnerstag. Jetzt wurde alles rausgekickt. Stattdessen gibt’s jetzt den Club Kleiner Donner, der eigentlich nur der Kellerbereich des Haus 73 war. Bezahlst du halt freitags jetzt 10 Euro Eintritt für. Wo du früher einfach mal ganz entspannt reinlaufen konntest, um mal zu gucken, was gerade so passiert, muss man jetzt halt immer hohe Eintrittsgelder zahlen.“ An diese Zeiten erinnert sich auch Maureen gerne. Ihre ernüchternde Erkenntnis: „Das Haus 73 sieht auf einmal total schick aus. Es ist eben nicht mehr das, was so ein alternatives Kulturzentrum zu bieten haben und ausmachen sollte. Das ist jetzt einfach nur noch total schnieke und übersauber.“

Heute trägt das Haus 73 zwar immer noch seinen Teil zum kulturellen Austausch im Schanzenviertel bei – doch dies ändert nichts an der grundlegenden Veränderung: die yuppiehafte Vereinnahmung dieses einst unvergleichlichen Kulturortes, an dem nun Bierdegustationen, Cupcakes und ein Mikroclub Einzug gefunden haben. Sinnbildlicher kann ein Ort für die Veränderung des Schanzenviertels kaum sein.

Haus73

Nach der Eröffnung im Juli 2006 hatte sich das Haus 73, damals noch Kulturhaus 73 genannt, als Ort des kulturellen Austauschs etabliert. Heute halten viele das Haus 73 für versnobt – nicht zuletzt aufgrund des neu eröffneten Mikroklubs „Kleiner Donner“. © Anna Gröhn

Tschüss, Schanze! Moin Moin …?

Während die einen noch in Erinnerung schwelgen, ziehen die anderen bereits in neue Quartiere. Denn viele haben genug von der von Hipstern, Touristen und Yuppies belagerten Schanze. „Mittlerweile gehe ich nur noch halb so gerne in die Schanze wie noch vor zwei Jahren“, sagt etwa Johanna (20, Foto unten), die im beliebten Croque-Laden „La Famille“ im Schulterblatt 62 arbeitet. Die 20-Jährige wohnt in Altona, wo sie mittlerweile auch viel lieber ihre Freizeit verbringt. Als waschechter Fischkopp oder alteingesessener Schanzenbewohner sucht man sich nun eben neue Plätzchen zum Treffen, Einkaufen oder Wohnen.

Johanna

In die Schanze geht es für Johanna (20) nur noch wenn`s um die Arbeit geht. © Anna Gröhn

Die Verlagerung in andere Stadtviertel gilt allerdings nicht nur für die Bewohner und Besucher des Schanzenviertels, sondern auch für die früheren Ladenbesitzer. „Man sieht schon stärker, dass halt das was früher in der Schanze war, sich nun in andere Richtungen verlagert. Das geht heute so in Richtung St. Pauli, da hinter dem Grünen Jäger und vor allem dort in der Paul-Roosen-Straße“, verrät beispielsweise Flora. Gleichermaßen soll auch das Karo(linen)viertel jetzt hoch im Kurs stehen.

Die Flucht vor teuren Szene-Clubs, Yuppie-Kids und Mietentreiberei führt heute eben zu neuen Orten, Menschen und Kulturen. Zurück bleibt ein weicher Schleier der Nostalgie.

Das Schanzenviertel in Bildern

*Klicke auf eines der Bilder, um die Galerie zu öffnen.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf dem Blog perspektivenwechsel veröffentlicht. Hier gelangt Ihr zum Originalartikel.

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